Gedankensplitter 2014

Dezember 2014
Wie haben Sie die Adventszeit verbracht? Im sogenannten vorweihnachtlichen Streß mit Weihnachtsfeiern, Shopping und diversen weihnachtliche Vorbereitungen? Oder haben Sie eher Stille, Nachdenklichkeit, Besinnung gesucht?
Am 2. Adventssonntag war ich mit den Konfirmanden im Dialogmuseum in Frankfurt. Dort wurden wir 90 Minuten von einem blinden Menschen im Dunkeln durch verschiedene nachgestellte Lebenssituationen geführt. Wir waren in der absoluten Finsternis ausschließlich auf einander Hören und verbale Kommunikation angewiesen. Ein sehr eindrückliches Erlebnis. Anschließend besuchten wir den Weihnachtsmarkt. Gedränge, Lichterflut, sinnliche Reize in großer Zahl. Wir erlebten zwei gegensätzliche Erfahrungen an einem einzigen Tag.
So im Nachspüren auf diesen Tag wurde mir dann deutlich, dass beide Erlebnisse sich trotz ihrer Gegensätzlichkeit in mir sehr eindrücklich eingeprägt haben. Oder vielleicht gerade deswegen? Auch die Adventszeit kann eben ganz unterschiedlich begangen werden. Diese Vielfalt macht erst ihren Reiz aus und sollte auch so angenommen und gelebt werden. Eigentlich eine Binsenweisheit für fast alle Lebensbereiche. Und dennoch war ich froh, dies wieder einmal so bewusst erfahren zu haben.


November 2014
Ein Abend mit jüdischen Liedern in der Burgmühle Haina, exzellent vorgetragen. Die Texte dieser Lieder erzählen von Freud und Leid des Lebens. Einige der vorgetragenen Lieder sind voller Hochgefühl, in anderen ist Traurigkeit, in manchen sogar Bitterkeit zu spüren. Es wird erzählt von Erfolgen, aber auch von dem, was schief gegangen ist.
Die Lieder besingen in großer Ehrlichkeit und Ehrfurcht das Leben in seiner ganzen Breite. Beeindruckend die in den Liedern zu spürende Selbstverständlichkeit, mit der Hohes und Tiefes und die vielen Schattierungen dazwischen akzeptiert und angenommen werden.
In einem Weisheitsspruch heißt es sinngemäß: Ich möchte stark sein, das zu ändern, was ich ändern kann. Ich möchte die Gelassenheit erlangen, Dinge zu ertragen, die ich nicht ändern kann. Und ich möchte die Weisheit erlangen, das Eine vom Anderen zu unterscheiden.
Ist die Zeit des Advent nicht eine gute Gelegenheit, über diese Weisheit nachzudenken und zu meditieren, damit aus dem „ich möchte“ ein „ich kann“ oder wenigstens „ich kann immer öfter“ wird? Gut täte es uns.


Oktober 2014
In einem Bericht über die Arbeit auf Yachten von Superreichen erzählt einer der dort Beschäftigten: Manchmal gehst du übers Deck und siehst die Gäste ganz betreten ihren Champagner trinken. Dann schaust du zum Ufer, da sitzen ein paar Typen mit Bierdosen, die zusammen angeln. Und du fragst dich: wer ist hier glücklicher? Hinter dieser Frage steht die Erkenntnis: unser Wohlstand steht sehr oft im Widerspruch zur Freiheit.
Vor 25 Jahren fiel die uns einengende Mauer. Die großartige Freiheit der Wendezeit mit ihren vielen Möglichkeiten wurde dann aber sehr schnell dem Streben nach Wohlstand geopfert. Warum fasziniert uns der Wohlstand so oft viel mehr als Freiheit? Stand und steht vielleicht die Angst dahinter, sonst zu wenig (Lebens)Glanz zu verbreiten? Aber mahnt nicht schon eine alte Weisheit vor trügerischem Glanz: „Sammelt nicht Schätze, die von Motten gefressen werden. Sammelt Schätze, die kein Rost fressen kann und die keine Diebe stehlen können. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz“. Und das Märchen vom Hans im Glück erzählt, dass Hans erst richtig glücklich wird, als er allen Besitz los und frei geworden ist. Aber so ganz und gar ohne jeden Besitz? Und wo liegt dann die rechte Balance zwischen Wohlstand und Freiheit?


September 2014
„Wenn wir brav sind, das verspricht man uns, werden wir alle dieselben Bilder sehen und dieselben Töne hören und dieselben Kleider tragen und dieselben Hamburger essen und in derselben Einsamkeit einsam sein, in gleichen Häusern gleicher Stadtviertel gleicher Städte, wo wir denselben Müll atmen und unseren Autos mit derselben Ergebenheit dienen, und wir gehorchen den Befehlen derselben Maschinen in einer Welt, die herrlich sein wird für alles, was keine Beine und Füße und Flügel und Wurzeln besitzt.“
Dieser Text von Eduard Galeano (uruguayischer Journalist, Essayist und Schriftsteller) aus seinem Buch: „Die Füße nach oben. Zustand und Zukunft einer verkehrten Welt“ begegnete mir während meines Urlaubs und er hat mich vom ersten Lesen an nicht mehr losgelassen. Ich gebe ihn hier an dieser Stelle weiter in der Hoffnung, dass er nicht nur mich fasziniert und nicht nur mich tief bewegt. Zweierlei nur möchte ich hier dazu weitergeben: doch mal darüber nachzudenken, ob wir nicht zu oft zu brav sind. Und ich möchte gleich hier zum Ungehorsam gegenüber dem Konsumwahn ermutigen: Dieses Buch teile ich gern mit denen, die es lesen möchten.


August 2014
Sich auf das Wesentliche zu beschränken, ist keine leichte Aufgabe. Wie zum Beispiel beim Verfassen des Gedankensplitters. „Na, so ein paar Zeilen sind doch fix geschrieben“ mag da so mancher denken. Aber: Gedanken lang und breit auszuwalzen ist sehr viel einfacher, als die Dinge auf den Punkt zu bringen. Dies verlangt viel Mühe und Aufmerksamkeit. Herausforderungen, denen wir uns gern entziehen. Darin liegt gewiss eine der Ursachen, warum das Auffällige und groß Scheinende uns sehr oft mehr fasziniert und bewegt, als ihm von seiner Bedeutung für unser Leben her zustehen sollte. Dabei ist all das, was unserem Leben Tiefe und Schönheit gibt, meist eher unscheinbar und erschließt sich uns erst durch intensive und achtsame Wahrnehmung. Ganz besonders bewusst ist dies mir in den vielen Trauergesprächen geworden, die ich in den Vorbereitungen auf Abschiedsgottesdienste zu führen hatte. In diesen besonderen Situationen unseres Lebens sind wir Menschen sehr sensibel für das, was wahrhaftig und lebensbestimmend ist. Ob ich mit meinem Leben zufrieden bin, entscheidet sich auch mit daran, das oft unscheinbar Schlichte bewusst wahrnehmen zu können. Es muss ja nicht immer erst der Tod eines Menschen sein, der uns daran erinnert.


Juli 2014
Am Freitag, dem 18. Juli wurden im Schloßpark Behringen 6 Skulpturen des Bildhauers Harald Stieding aus Bad Langensalza eingeweiht, die er als Vorlass übergeben hat. Eine davon stellt Kain & Abel dakainr. Auf dem Foto links ist davon Kain zu sehen. Er trommelt mit den Fäusten gegen seine Brust, Ausdruck tiefer Verzweiflung. Aus Neid hat er seinen Bruder Abel erschlagen. Er hat sich zu einer Tat hinreißen lassen, mit der er nun nicht fertig wird. Solche Gewalt überfordert uns, denn sie entspricht nicht unserem Grundwesen. Und dennoch geschieht sie immer wieder! Einer der Gründe dafür ist, dass wir uns zuwenig Zeit nehmen für uns selber, gar nicht oder zuwenig auf unsere innere Stimme hören. Dazu braucht es Muße, Besinnung, Ruhe. „Einen Tag in der Woche sollst Du und überhaupt alles ruhen“ heißt es in einem alten Gebot. Jahrhunderte langes Nachdenken über Grundbedingungen des Lebens haben Menschen schließlich diese Erkenntnis niederschreiben lassen. Diese zu mißachten geht lange Zeit scheinbar sehr gut. Aber irgendwann kommt der zerstörende Schlag. Kain hinterlässt eine Spur der Verwüstung. Verzweifelt darüber hängt er wie ein Gekreuzigter in der Luft. Nur – er hat sich selbst gekreuzigt. Und – bis heute lebt er weiter…..


Juni 2014
Im Berliner Stadtteil Wedding sitze ich gern in einem schlichten Cafe, welches von türkischen Menschen betrieben wird. Manche der Frauen, die dort arbeiten, tragen Kopftücher, andere nicht. Was sie eint, ist die natürliche Freundlichkeit, mit der sie den Gästen begegnen. Die Atmosphäre ist sehr angenehm und friedlich. Wohl deshalb sind die Gäste nicht nur Landsleute der Betreiber. In diesem Cafe überkommt mich immer die Ahnung, wie schön das Leben sein könnte, wenn unser Miteinander überall so selbstverständlich von Toleranz und Schlichtheit geprägt wäre. Welche positive Kraft hier wirkt, wurde mir einmal sehr eindrücklich bewusst. Im Cafe sitzend las ich in der Zeitung, was zwei 90-jährige Überlebende des Holocaust auf einer deutschen Behörde erfahren haben. Die beiden leben nur deshalb noch, weil Großbritannien sie als Kinder unbürokratisch aufgenommen hat. Mit ihrer Lebensgeschichte wollten sie die Beamten davon überzeugen, sich mehr für syrische Kinder einzusetzen.
Abgespeist wurden sie mit leeren Phrasen. Das friedliche Miteinander um mich herum verhinderte, dass in mir sinnlose Wut aufkam. Wie eine friedliche Zukunft erreicht werden kann – an Orten wie in diesem Cafe ist es vielfältig mit Händen zu greifen.


Mai 2014
Wir haben Ende Mai, die Rapsfelder haben in den vergangenen Wochen sonnig geleuchtet. Unsere Blicke wurden davon angezogen. Den Bienen ergeht es ähnlich: in großer Zahl fliegen sie in die Rapsfelder, um dort Nektar einzusammeln. Leider sammeln sie dabei auch den von Menschen gesprühten Giftcocktail mit ein. Ähnlich verfahren wir auch in unseren privaten Gärten. Gifte, zwar erlaubt und zugelassen, gefährden die Bienen und viele andere Lebewesen. Auch im Grundwasser, Quelle für unser Trinkwasser, sind die versprühten Gifte teilweise schon vorhanden. In das Abwasser und damit irgendwann in das Grundwasser, gelangt auch das Wasser, dem wir diverse Reinigungsmittel zugefügt haben, um damit (besonders im Frühling) unsere Häuser und Wohnungen auf Hochglanz zu polieren. Dieser Glanz unserer Wohnstätten wie auch das leuchtende Gelb der Felder – Schönheiten, die Verderben bringen.
Um Reinheit auf dem Feld und im Garten wie auch in der Wohnung zu erhalten, zerstören wir Lebensvielfalt. Leben braucht aber Vielfalt. Wir Menschen sind ein Teil dieser Vielfalt und von ihr abhängig. Und nur mit ihr sind wir wirklich schön.


April 2014
Ab Ostern wird es in Craula etwas Neues geben. An jedem Sonntag wird die Kirche tagsüber geöffnet sein. Damit wollen wir schon lange spürbare Veränderungen der Sonntagsgestaltung aufgreifen. Anpassungen an neue Bedingungen sind seit Menschengedenken wichtiger Teil unseres Daseins. Neu sind die zum Teil radikalen Veränderungen fast aller Lebensbereiche in den letzten Jahrzehnten. Darauf können wir ganz unterschiedlich reagieren. Man kann am Überkommenen festhalten und den „Verfall“ beklagen, bis irgendwann gar nichts mehr geht. Oder man versucht, die Veränderungen bewusst mitzugestalten. Dazu gehört das Nachdenken, warum das Gewohnte nicht mehr gelebt wird, ob es einen bewahrenswerten Kern gibt und, falls ja, wie dieser heute gelebt werden kann. Freilich ist die Umsetzung nicht leicht. Je länger eine Tradition bestand und je größer das, was aufgegeben werden muss, desto schwerer fällt uns der Mut zu Neuem.
Von Hermann Hesse stammt die Ermutigung: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben“. Ist dies nicht eine wunderbare Verheißung? Lasst uns doch diesen Zauber miteinander suchen.


März 2014
Es ist nicht die große Masse, aber es sind doch erstaunlich viele Menschen, die jetzt in dieser Zeit fasten. Ich meine dabei jene, die nicht nur auf Alkohol, Rauchen, Fleisch oder Kuchen verzichten, sondern für einige Tage überhaupt keine feste Nahrung zu sich nehmen. Religiös motiviert ist ihr Tun eher selten, aber es fällt in die sogenannte kirchliche Fastenzeit. Dieser Begriff mag mit zum Fassten anregen, aber ich denke, es steckt mehr dahinter. Warum fasten diese Menschen? Sie wollen entschlacken und abnehmen, aber auch wieder entdecken, „wie gut doch ein Apfel schmeckt“ (Zitat). Warum gerade jetzt am Anfang des Frühlings? Spüren all diese Menschen, dass sie zuviel konsumiert haben und der dabei angelegte Ballast sie nun hindert, der erwachenden Natur aktiv und fit genug begegnen zu können? Ständig vorhandenes Überangebot ist eine große Verlockung, damit umzugehen nicht leicht. Die Erfahrung des Fastens aber zeigt den Menschen, dass bewusstes Verzichten nicht Verlust bedeutet, sondern im Gegenteil Gewinn bringt – ein Mehr an Fitness, Beweglichkeit, Freude, Genussfähigkeit. Weniger konsumieren, um mehr vom Leben zu haben, dieser Wunsch steckt meist hinter dem strengen Fasten. Übrigens: die Fastenzeit geht noch drei Wochen.


Februar 2014
Seit dem 9. Februar gibt es im Schlosshotel Behringen einen Raum der Besinnung. In einem von viel Live-Musik geprägten Gottesdienst haben wir diesen Raum eingeweiht. Am darauf folgenden Tag stand in der TLZ für Eisenach unter der Überschrift „Raum der Besinnung offen“ ein kurzer Bericht dazu. Und in Großbuchstaben stand über der Überschrift DIE GUTE NACHRICHT. Daneben standen auf dieser Zeitungsseite: vier Meldungen über Unfälle bzw. Einbrüche, ein kritischer Kommentar über eine Stadtratssitzung und eine politische Reportage. Gute Nachrichten sind also nicht in der Mehrzahl, aber es gibt sie. Man darf nur nicht bei all den schlechten Nachrichten hängen bleiben, um dann zu resümieren: die Welt ist nur noch schlecht. Nein, es gibt sie noch, die guten Nachrichten.
Die Einweihung des Raum der Besinnung im Schlosshotel sollte nun nicht nur die Grundlage einer guten Zeitungsnachricht bleiben. Dieser Raum wurde gemeinsam vom Schlosshotel und der Kirchgemeinde geschaffen, um unbeeinflusst von Äußerlichkeiten zur Ruhe zu kommen, sich auf die guten Kräfte in uns zu besinnen und diese zu aktivieren. Und wer weiß: so werden vielleicht öfters mehr als nur eine gute Nachricht auf der Zeitungsseite zu lesen sein.


Januar 2014
Eine Stunde noch bis zum Beginn des Krippenspiels. Noch ist die Kirche leer, nur wenige sind da, um letzte Vorbereitungen zu treffen. Ich verlasse die Kirche, um was zu holen und stelle fest: draußen ist es wesentlich wärmer als in der Kirche. Diese füllt sich nach und nach, das Krippenspiel beginnt und wir sehen die umherirrende Familie, die schließlich in einem Stall Platz findet. Einen besonderen Geist müssen die Menschen damals verspürt haben – es kommen Arme und Reiche, Rechtlose und Mächtige herbei. Sie knien vor dem Kind in der Krippe und feiern die Erkenntnis: menschliche Größe liegt jenseits von Macht und Reichtum. Wir alle lassen uns davon anstecken und singen fröhlich: O du gnadenbringende Weihnachtszeit. Und ebenso gestimmt verlassen wir die Kirche. Aber etwas ist anders: draußen ist es auf einmal kälter als in der Kirche. Ich schaue auf das Thermometer – die Außentemperatur hat sich nicht geändert. Die vielen Menschen haben die Kirche aufgeheizt. Aber es herrschte keine aufgeheizte Stimmung, sondern im Gegenteil eine ganz friedliche. Wo viele Menschen sich in einem von Frieden und Hoffnung geprägten Geist zusammenfinden, da wird es warm unter uns. Wir alle haben es erlebt am Heiligabend 2013.

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